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Was jetzt ist, ist alles
Jim Jarmuschs skurrile Tragikomödie Broken Flowers

WELCHE BEDEUTUNG hat die Vergangenheit in der Gegenwart und hat sie überhaupt eine? Mit dieser Frage wird Don Johnston (Bill Murray), ermüdeter Don Juan und vermeintlicher Frauenversteher unverhofft konfrontiert. Im Computergeschäft und bei der Eroberung von Frauenherzen hat es der ergraute Junggeselle weit gebracht. Ein anonymer Brief, als rosafarbene Liebespost getarnt, stört unvermittelt den ereignisarmen Alltag des kauzigen Frauenhelden, dessen Zeit sich in Fernsehen, Sofasitzen und Schlafen gliedert. Don erfährt aus dem mysteriösen Schreiben, dass er vor zwanzig Jahren einen Sohn gezeugt haben soll, welcher nun nach seinem Vater sucht.
Der zahllosen Affären Dons überdrüssig, verlässt ihn obendrein seine junge Geliebte Sherry (Julie Delpy) kurzerhand und überlässt Don der Einsamkeit und seinem Phlegma. Dons befreundeter Nachbar, der passionierte Hobby-Kriminalist Winston (Jeffrey Wright), drängt Johnston zur Suche nach der möglichen Mutter seines Sohnes und arrangiert für ihn eine akribisch recherchierte Rundreise in die entlegensten Winkel der USA zu den vier als Mütter in Frage kommenden Frauen. Als Indizien für die Urheberschaft des Briefes soll Don nach der Farbe Rosa und einer alten Kugelkopfschreibmaschine Ausschau halten.
Don tauscht widerstrebend Trainingsanzug gegen Sakko ein und beginnt mit rosa Rosen bewaffnet die Aufklärung des Rätsels. Auf seinem Rundtrip wird Don etappenweise mit den Stationen seiner Vergangenheit konfrontiert, die im Jetzt und Hier fremd und bedeutungslos geworden sind. Laura (Sharon Stone) ist verwitwet, Dora (Frances Conroy) vom Blumenmädchen zur Immobilienmaklerin avanciert und Carmen (Jessica Lange) spricht als Tierpsychologin mit Vierbeinern. „Leidenschaft geht seltsame Wege“, diagnostiziert sie nicht nur sich selbst, sondern unwissentlich alle Schicksale, denen Don flüchtig begegnet.
Das abschließende Wiedersehen mit der vierten Ex-Geliebten Penny (Tilda Swinton) gestaltet sich überraschend schmerzhaft, und die letzte Station führt Don zum Grab der verunglückten Michelle, wo bei dem sonst so phlegmatischen Kauz erstmals Emotionen durchbrechen. Die Farbe Rosa erscheint überall, eine Schreibmaschine taucht auf, doch die Frage der Mutterschaft erweist sich als Problem und auch an potentiellen Söhnen mangelt es nicht.

 

„Alles was es gibt, das ist hier. Die Gegenwart.“, resümiert Don Johnston am Ende des Films, womit sich er selbst wie auch der Zuschauer begnügen und seine eigenen Schlüsse daraus ziehen muss, was Jim Jarmuschs bei den Filmfestspielen in Cannes 2005 prämierten Spielfilm Tiefgang verleiht, weil er die Phantasie und subjektive Wahrnehmung des Zuschauers fordert. Jarmusch legt zahlreiche Fährten auf bildlicher wie sprachlicher Ebene in dieser filmischen Reise in Dons ureigenste Vergangenheit, die es nicht mehr gibt. Die Spuren führen überall und nirgendwo hin und verknüpfen so die einzelnen Charaktere, deren Gesten und knappe Dialoge weit mehr sprechen als viele Worte, was Jim Jarmuschs persönlichen Filmstil kenn- und auszeichnet.
Broken Flowers präsentiert sich neben den melancholischen Untertönen überwiegend komisch und ironisch, wobei Bill Murrays Mimik in der Hauptrolle des unerschütterlich lakonischen Don Johnston den Höhepunkt bildet. Der leise inszenierte Film überzeugt und unterhält dank seiner wohl dosierten Mischung aus Tragik und daraus entstehender Komik und nicht zuletzt dank seiner Darsteller, die mit wenigen Worten den Figuren Nachdruck verleihen und den Zuschauer so schnell nicht mehr loslassen.

 

Ina Machenheimer | Kontakt | |

Darsteller Jim Jarmusch (dir.), Bill Murray, Jeffrey Wright, Sharon Stone, Frances Conroy, Jessica Lange
Genre Tragikomödie
Länge 106 Minuten
Kinostart Deutschland 08.09.2005
Originaltitel Broken Flowers
Jahr 2005
Land USA
FSK

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Homepage www.brokenflowersmovie.com
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