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Die kalte Seite
der Liebe
Die isländische
Autorin Steinunn Sigurdardóttir entwirft in Die Liebe
der Fische eine Liebesbeziehung der Distanz
NICHTS
GESCHIEHT in dem Augenblick, wo es geschieht. Alles
geschieht erst im Nachhinein.“ So begreift Samanta erst
drei Jahre nach einer Begegnung mit Hans Örlygsson, welche
Rolle er in ihrem Gefühlsleben spielt, und die beiden
Liebenden verpassen den richtigen Zeitpunkt, sich füreinander
zu entscheiden.
Nach einem flüchtigen Zusammentreffen mit Hans lässt
Samanta Revue passieren, wie sich aus einer Episode eine Fortsetzungsgeschichte
entwickelt hat: Eine Liebe ohne Wärme und ohne Worte,
aber so unerschütterlich und „kalt und fein wie
der Gletscher“.
Samanta schätzt die emotionale Unabhängigkeit ihres
Singledaseins und die Verlässlichkeit der Vernunft. Ihr
einziges Zugeständnis an Romantik ist ihre berufliche
Beschäftigung mit indischen Liebesgedichten. Mitten in
dieses nichtssagende Dahinplätschern ihres Lebens platzt
der junge Manager Hans – und seine Rosen und Einladungen
wühlen Samanta emotional mehr auf, als sie sich eingestehen
kann. Stumm in Sachen Gefühle umkreisen sie sich wie
die Fische und gehen wieder auf Distanz, denn die Liebe ist
ein unsicheres Terrain, und von diesem retten sich beide so
gut sie können: Samanta in eine halbherzige Beziehung
mit dem dünnervigen Erlingur, der ausgerechnet wie ein
romantisch veranlagter Dichter aussieht, und Hans in eine
noch halbherzigere Ehe. Aber die magnetische Anziehung können
sie nicht ausschalten. Hans steht alkoholisiert vor Samantas
Tür, wenn er sie nicht gerade mitten in der Nacht anruft.
Viel ernst zu nehmende Mühe gibt Samanta sich nicht,
dem Begehren ihres unsteten Liebhabers zu widersetzen. Drei
Jahre später stehen sie immer noch an der selben Stelle
wie beim Zeitpunkt ihrer Begegnung, aber mit dem Wissen, dass
sie sich lieben und ihre Liebe nur in der zeitlichen Distanz
funktioniert. |
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Die Liebe der Fische ist eine Geschichte, die schnell
erzählt ist, doch Steinunn Sigurdardóttir tut
dies auf so poetische Weise, dass daraus ein großartiger
Roman entstanden ist – über die Ironie eines großen
Gefühls, das klein gehalten wird, aus Angst, die Kontrolle
über sich selbst zu verlieren. Wie ein Gemälde erschließt
sich dem Leser die unausgesprochene Seelenlandschaft der Protagonistin,
die ihre Projektionsfläche in der isländischen Landschaft
findet: rau, kühl und intensiv. Insbesondere die wiederholt
vom Lakonischen ins zufällig Poetische ausrutschende
Erzählsprache, die Sigurdardóttir ihre weibliche
Hauptfigur Samanta sprechen lässt, verleiht dem 87 Seiten
kurzen Romantext seine Nachhaltigkeit.
Ein unüberwindliches Hindernis für eine gemeinsame
Beziehung sind weder Hans’ Ehe noch Samantas Lebensgemeinschaft,
das gegenseitige Schweigen jedoch schon. Ein wenig Wehmut
liegt im nüchternen Ausgang von Samantas Erzählung,
und man weiß wie sie nicht so recht, ob verpasste Gelegenheiten
tatsächlich ein Verlust oder vielleicht doch ein Gewinn
sind, denn nichts scheint so haltbar wie eine unerreichbare
Liebe. |
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Ina Machenheimer
| Kontakt |
| Autorin |
Steinunn
Sigurdardóttir |
| Buchtitel |
Die Liebe
der Fische |
| Originaltitel |
Ástin
fiskanna |
| Gattung |
Roman |
| Verlag |
Rowohlt |
| Erscheinungsort
und- jahr |
Reinbek
bei Hamburg, 2006. |
| Umfang |
96
Seiten |
Texte urheberrechtlich
geschützt.
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