LÜCKENLOSE
VERBRECHENSAUFKLÄRUNG ist seit einigen Jahren angesagt
im Film und Fernsehen. Allwissende Gerichtsmediziner und mit
telepathischen Fähigkeiten gesegnete Forensiker oder
Profiler werden in der TV-Welt zur wirksamen Allzweckwaffe
gegen das menschliche Böse. Im nebulösen Fiktionswirrwarr
wird der Profiler als menschliches Konglomerat aus Psychologe,
Detektiv und Wahrsager zum Berufspropheten stilisiert.
Doktor Thomas Müller, der in mehreren TV-Auftritten sein
Buch Bestie Mensch vorgestellt hat, ist ein Profiler
und zeigt, womit er sich beruflich in der Realität der
Verbrechensaufklärung auseinandersetzt. Als Europas führender
Kriminalpsychologe führte er zahlreiche Interviews mit
Serienmördern und Sexualstraftätern hinter den Mauern
von Hochsicherheitsgefängnissen. Mit dieser Szenerie
beginnt sein Sachbuch, in dem er dem Leser Ziel und Inhalt
seines Berufes näher bringt. Beurteilen statt Verurteilen,
Vergleichen und Messen von menschlichem Verhalten sind die
elementaren Bausteine der Profiler-Tätigkeit, einem noch
jungen Gebiet innerhalb der Verbrechensbekämpfung. Eingeteilt
in die Kapitel Tarnung, Lüge und Strategie gewährt
Müller Einblick in seine Arbeit, die einem komplizierten
Puzzlespiel gleicht und mit filmischem Actionspektakel nichts
gemein hat. „Wenn man lange genug in einen Abgrund hineinblickt,
muss man vorsichtig sein, dass der Abgrund nicht irgendwann
in einen selbst hineinblickt“, zitiert Müller den
Philosophen Friedrich Nietzsche und stellt die Frage nach
den Ursachen und Bedürfnissen, die manche Menschen dazu
bewegen, die Grenzen menschlich-ethischen Verhaltens zu überschreiten
und sich damit in monströse Erfahrungswelten begeben,
mit denen der Profiler weniger zur unmittelbaren Verbrechensaufklärung
als zur späteren Prävention konfrontiert wird. Nicht
die Person des Täters, sondern vielmehr der Tatort steht
bei der Profiler-Tätigkeit im Zentrum des Interesses.
Die Tatortanalyse dient dabei als Schlüssel zur Erstellung
von Täterprofilen.
Nicht nur sein Berufsprofil sondern auch seinen Werdegang
vom Streifenpolizisten zum Kriminalpsychologen beschreibt
der Tiroler in seinem Sachbuch, das vor allem für den
psychologischen Laien auf erzählender Ebene gelungen
ist. Spannend und ohne dröge Fachsimpelei baut Müller
den Bericht über seine Tätigkeit in eine Rahmengeschichte:
Ein Interview mit dem Verurteilten Lutz Reinström in
der Hamburger Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, das
als anekdotischer Leitfaden durch Bestie Mensch führt.
Mit ethischem Bewusstein doch ohne zu moralisieren geht Müller
der Frage nach, wie sich die Bestie Mensch zu einer solchen
entwickeln kann. |
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Der reißerische Klappentext, der verspricht, dass „der
Code des Bösen entschlüsselt“ würde,
ist verkaufsorientierte Übertreibung, die das Buch gar
nicht nötig hat. Angenehm unreißerisch präsentiert
der Österreicher den Einblick in die menschlichen Abgründe,
die ihm in seiner Laufbahn begegnet sind. Gewidmet hat er
sein Buch den 518 Opfern von Tötungsdelikten, mit denen
er sich während seines beruflichen Werdeganges beschäftigen
musste.
Lesenwert und spannend kann der Sachtitel durchaus die Krimilektüre
ersetzen. Müller hat einen realen Krimi über die
Bestie Mensch geschrieben ohne voyeuristische Lektüreansätze
zu bedienen. |
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