DAS
VERHÄLTNIS VOM ICH und den anderen ist ein in der Literatur
viel beschriebenes Dilemma. In Die Arbeit der Nacht
sind es nicht die anderen sondern das Ich, in Gestalt von
Protagonist Jonas, das zum hellwach erlebten Alptraum wird.
Als der Mittdreißiger an einem Julimorgen in seiner
Wohnung in Wien erwacht, ist er buchstäblich allein auf
der Welt. Alle Kommunikationsmedien sind tot und die Straßen
wie Gebäude der österreichischen Hauptstadt verlassen
von allem Leben. Nur Jonas ist zurückgeblieben. Weshalb,
das weiß er nicht. Fassungslos macht er sich auf die
Suche nach weiteren Hinterbliebenen und Hinweisen für
die Ursache des kollektiven Verschwindens der Menschheit über
Nacht. Unermüdlich vollzieht er seine Spurensuche, die
bisweilen einem anarchistischen Verwüstungstrip gleicht,
zunächst in Wien, die er dann auf ganz Österreich
und Europa ausdehnt. Bis in den Norden Englands, dem letzten
Aufenthaltsort seiner Frau Marie, treibt ihn die Sehnsucht
nach ihr. Doch allerorts findet Jonas eine leergefegte Welt
vor und es bleibt ihm nichts als seine Erinnerungen und sein
Selbst, mit dem er sich auseinandersetzen muss – ohne
Ablenkung und ohne Ausflucht. Dieses Selbst ist letzte Festung
und Bedrohung, Mikrokosmos und Gefängnis zugleich. Besessen
von dem Verlangen, Leben ausfindig zu machen, aber auch den
zeitlichen Moment einzufangen, macht Jonas per Video und Tonband
Aufzeichnungen von den Orten seiner Reise sowie von sich selbst
im Schlaf. Was sich ihm dabei enthüllt ist rätselhaft
und erschreckend, denn Jonas und der Schläfer scheinen
zwei verschiedene Persönlichkeiten zu sein. Das Schläfer-Ich
wirkt beängstigend ausgeschlafen, wenn es für Sekundenbruchteile
zielgerichtet in das Kameraobjektiv starrt, während Jonas
zunehmend mit lähmender Müdigkeit kämpft. Gesichtslose
Stimmen verfolgen ihn und Gegenstände scheinen in seiner
Abwesenheit ihren Standort zu verändern. Wachzustand
und Traum, Gegenwärtiges und Erinnerung verschmelzen
zu einer erschreckenden Wirklichkeit, die trotz zahlreicher
Hinweise für Jonas nicht entschlüsselbar ist und
sich in ein Vexierbild verwandelt. Sein menschliches Bedürfnis
nach Gesellschaft geht schrittweise in die paradoxe Angst
über, eben nicht alleine zu sein, sondern auf eine weitere
lebende Existenz zu stoßen – und nicht nur den
Protagonisten auch den Leser beschleicht zunehmend das Gefühl,
dass noch ein anderes Wesen in dieser toten Welt lauernd umherstreicht.
Die suggestive Kraft der Angst und des Unterbewusstseins von
Jonas ist Hauptstilmittel von Glavinics fünftem Roman,
so dass die Handlung mit nur einer Figur, deren Agieren und
Gedanken auskommt, um eine spannungsgeladene Geschichte zu
erzählen. Die zahlreichen Fährten, die Glavinic
in seinem Buch legt, werden nicht aufgelöst, sie führen
immer tiefer in die Abgründe von Jonas Ich-Bewusstsein.
Dem 34-jährigen Schriftsteller gelingt es im Verlauf
von 395 Seiten philosophische Grundfragen über die Vergänglichkeit
und das Sein, Raum, Zeit und Abwesenheit in Form eines subtilen
Schauerromans zu verarbeiten, der dem Leser bis zum Ende verweigert,
den Protagonisten in eine wiederhergestellte, geordnete Alltagswelt
zu entlassen. Die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung, die
subjektive Wirklichkeit ist es, die Jonas zutiefst verängstigt.
Erst in der absoluten Einsamkeit wird sie für ihn spürbar
und zur Unerträglichkeit. Menschliche Existenz bedeutet
„Spuren zu suchen und zu hinterlassen“. In der
Isolation wird sie zur Nichtigkeit, wenn die äußere
Realität gottlose Leere ohne Sinn und Zweck ist und niemand
außer man selbst übrig ist, um die zurückgelassenen
Spuren zu entdecken. Jonas erscheint nicht als Auserwählter
sondern als Verstoßener. |
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