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Menschsein in einer verlassenen Welt
In Thomas Glavinics neu erschienenem Roman Die Arbeit der Nacht entwirft der österreichische Autor ein gleichermaßen spannendes wie irritierendes Paralleluniversum menschlichen Bewusstseins

DAS VERHÄLTNIS VOM ICH und den anderen ist ein in der Literatur viel beschriebenes Dilemma. In Die Arbeit der Nacht sind es nicht die anderen sondern das Ich, in Gestalt von Protagonist Jonas, das zum hellwach erlebten Alptraum wird.
Als der Mittdreißiger an einem Julimorgen in seiner Wohnung in Wien erwacht, ist er buchstäblich allein auf der Welt. Alle Kommunikationsmedien sind tot und die Straßen wie Gebäude der österreichischen Hauptstadt verlassen von allem Leben. Nur Jonas ist zurückgeblieben. Weshalb, das weiß er nicht. Fassungslos macht er sich auf die Suche nach weiteren Hinterbliebenen und Hinweisen für die Ursache des kollektiven Verschwindens der Menschheit über Nacht. Unermüdlich vollzieht er seine Spurensuche, die bisweilen einem anarchistischen Verwüstungstrip gleicht, zunächst in Wien, die er dann auf ganz Österreich und Europa ausdehnt. Bis in den Norden Englands, dem letzten Aufenthaltsort seiner Frau Marie, treibt ihn die Sehnsucht nach ihr. Doch allerorts findet Jonas eine leergefegte Welt vor und es bleibt ihm nichts als seine Erinnerungen und sein Selbst, mit dem er sich auseinandersetzen muss – ohne Ablenkung und ohne Ausflucht. Dieses Selbst ist letzte Festung und Bedrohung, Mikrokosmos und Gefängnis zugleich. Besessen von dem Verlangen, Leben ausfindig zu machen, aber auch den zeitlichen Moment einzufangen, macht Jonas per Video und Tonband Aufzeichnungen von den Orten seiner Reise sowie von sich selbst im Schlaf. Was sich ihm dabei enthüllt ist rätselhaft und erschreckend, denn Jonas und der Schläfer scheinen zwei verschiedene Persönlichkeiten zu sein. Das Schläfer-Ich wirkt beängstigend ausgeschlafen, wenn es für Sekundenbruchteile zielgerichtet in das Kameraobjektiv starrt, während Jonas zunehmend mit lähmender Müdigkeit kämpft. Gesichtslose Stimmen verfolgen ihn und Gegenstände scheinen in seiner Abwesenheit ihren Standort zu verändern. Wachzustand und Traum, Gegenwärtiges und Erinnerung verschmelzen zu einer erschreckenden Wirklichkeit, die trotz zahlreicher Hinweise für Jonas nicht entschlüsselbar ist und sich in ein Vexierbild verwandelt. Sein menschliches Bedürfnis nach Gesellschaft geht schrittweise in die paradoxe Angst über, eben nicht alleine zu sein, sondern auf eine weitere lebende Existenz zu stoßen – und nicht nur den Protagonisten auch den Leser beschleicht zunehmend das Gefühl, dass noch ein anderes Wesen in dieser toten Welt lauernd umherstreicht. Die suggestive Kraft der Angst und des Unterbewusstseins von Jonas ist Hauptstilmittel von Glavinics fünftem Roman, so dass die Handlung mit nur einer Figur, deren Agieren und Gedanken auskommt, um eine spannungsgeladene Geschichte zu erzählen. Die zahlreichen Fährten, die Glavinic in seinem Buch legt, werden nicht aufgelöst, sie führen immer tiefer in die Abgründe von Jonas Ich-Bewusstsein. Dem 34-jährigen Schriftsteller gelingt es im Verlauf von 395 Seiten philosophische Grundfragen über die Vergänglichkeit und das Sein, Raum, Zeit und Abwesenheit in Form eines subtilen Schauerromans zu verarbeiten, der dem Leser bis zum Ende verweigert, den Protagonisten in eine wiederhergestellte, geordnete Alltagswelt zu entlassen. Die Begrenztheit der eigenen Wahrnehmung, die subjektive Wirklichkeit ist es, die Jonas zutiefst verängstigt. Erst in der absoluten Einsamkeit wird sie für ihn spürbar und zur Unerträglichkeit. Menschliche Existenz bedeutet „Spuren zu suchen und zu hinterlassen“. In der Isolation wird sie zur Nichtigkeit, wenn die äußere Realität gottlose Leere ohne Sinn und Zweck ist und niemand außer man selbst übrig ist, um die zurückgelassenen Spuren zu entdecken. Jonas erscheint nicht als Auserwählter sondern als Verstoßener.

Die Arbeit der Nacht ist ein fesselndes und beunruhigendes Buch, denn die darin entworfene fiktionale Realität lässt sich nicht einfach abschütteln. Es ist ein literarisch geniales Spiel mit jenen Facetten menschlichen Bewusstseins, die beständig im Dunkel des Innenlebens arbeiten und das zerbrechliche Fundament des geregelten Alltags bedrohen.

Ina Machenheimer | Kontakt |

Autorin Thomas Glavinic
Buchtitel Die Arbeit der Nacht
Originaltitel -
Gattung Roman
Verlag Hanser Verlag
Erscheinungsort und- jahr München/Wien, August 2006
Umfang 395 Seiten

Texte urheberrechtlich geschützt.

   
       
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