DIE
ERINNERUNG ist eine täuschende Angelegenheit. Und wenn
sie sich als Trugbild entpuppt, bleibt von Sicherheit nichts
mehr übrig. Jack Burns, Hauptfigur des Romans Bis
ich dich finde, enttarnt als Erwachsener die Geschichte
seiner Kindheit als verzerrte und manipulierte Version der
Wirklichkeit. Die Erinnerung an seine Kindheit ist die Inszenierung
seiner Mutter, in der er selbst unwissentlich die Hauptrolle
spielte.
Jack wächst vaterlos mit seiner Mutter Alice, einer Tätowiererin,
im kanadischen Toronto auf. Bereits in Kindertagen ist er
prädestiniert für den Schauspielberuf, den er später
ergreifen wird. Alice lässt ihn im Glauben, sein Vater
William, ein begnadeter Organist und Tattoo-Fetischist, habe
die schwangere Alice verlassen, um ein promiskes Leben führen
zu können. Mit dem vierjährigen Jack im Schlepptau
reist Alice wie besessen durch Nordeuropa, um den vermeintlich
flüchtigen Vater in die familiäre Verantwortung
zu nehmen. Im Dunstkreis von Seeleuten und Gestalten aus dem
Rotlichtmilieu verbringt Jack die Zeit in Europa. Der unbekannte
Vater verwandelt sich zum allgegenwärtigen wie unerreichbaren
Phantom. Nach der erfolglosen Suche kehrt Jack mit seiner
Mutter nach Kanada zurück. Dort muss er sich in einer
Mädchenschule behaupten und entfernt sich emotional zunehmend
von seiner Mutter. In der älteren und ruppigen Emma Oastler
findet er die einzig wahre Freundin seines Lebens. So ist
sie schließlich die Einzige, der er im Alter von elf
Jahren anvertrauen kann, von seiner Babysitterin Mrs. Machado
sexuell missbraucht worden zu sein.
Nach seinem Schulabschluss siedelt er mit Emma nach Los Angeles
um und macht Karriere als Filmstar. In Rollen zu schlüpfen
bereitet ihm keine Probleme, doch seine Persönlichkeit
ist substanz- und konturenlos. Wer er selbst ist, weiß
Jack nicht. Im Zuge der Entfremdung von seiner Mutter entlarvt
Jack ihre Geschichte über seinen Vater als Lügengespinst.
Jack begibt sich schließlich noch einmal auf Europareise
und sieht die Schauplätze seiner Kindheit mit den Augen
eines Erwachsenen. Dann erfährt er, dass er eine Halbschwester
hat, die ihn zu seinem Vater führen kann. Der Gewinn
der neuen Familie schenkt ihm seine Identität –
und plötzlich verliert er die Gabe des perfekten Rollenspiels. |
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Bis
ich dich finde ist John Irvings elfter und bisher längster
Roman. Der populäre Schriftsteller schickt darin nicht
nur seinen Protagonisten Jack auf Vatersuche, sondern verarbeitet
darin seine eigene lebenslange Suche nach dem Vater, den er
nie kennen lernte. Der sexuelle Missbrauch ist ebenfalls Teil
seiner Biografie. Der 63-jährige Irving hat sich die
Wut auf seine schweigende Mutter und den abwesenden Vater
von der Seele geschrieben.
Der Roman erzählt vom gewaltsamen Verlust von Kindheit,
von Obsessionen, enttäuschter Liebe und sexuellen Wirrungen
– und von der Bedeutsamkeit einer eigenen Identität.
Über 1152 Seiten entfaltet Irving eine anrührende
wie skurrile Geschichte die - ganz typisch für den Autor
- stets vom Tragischen ins Komische wechselt. Die Charaktere
sind komplex und lebendig, und die Geschichte von Jack fügt
sich aus zahlreichen Einzelepisoden zusammen. In einigen Passagen
hätte dem Roman weniger Ausführlichkeit nicht geschadet.
Ziemlich viele Geschlechtsorgane und reichlich Sex präsentiert
Irving seinem Leser. Dennoch ist es ein Buch, das insbesondere
in den letzten Kapiteln zu Tränen rühren kann –
ganz ohne ins Kitschige abzudriften. |
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