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Eine Frage des Stils
Ingrid Nolls Roman Ladylike widmet sich mit Humor und für die Autorin typischen Krimielementen einem gesellschaftskritischen Thema

ALTWERDEN MACHT UNSICHTBAR. Zumindest für den jüngeren Anteil der Gesellschaft, wie Lore am eigenen Leib wiederholt feststellen muss. Geschieden vom untreuen Gatten und nach später Emanzipation in Sachen Beruf gründet sie mit ihrer verwitweten Freundin aus Kindertagen, Anneliese, eine Rentnerinnen-Wohngemeinschaft. Doch die altersbedingte Unsichtbarkeit bietet gleichwohl Raum für ein gewisses Maß an Narrenfreiheit – denn wer würde zwei alten Damen gar Unseriöses zutrauen? Und so kommt es, dass sich das optisch wie auch charakterlich sehr verschiedene Frauenduo im Alter Entgleisungen erlaubt, von denen es als Angehörige der Kriegsgeneration in seiner Jugend niemals zu träumen und noch weniger zu leisten gewagt hätte. Während Lore einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik pflegt und ihrem Aussehen große Bedeutung beimisst, beschränkt sich die kompakte Anneliese auf halbherzige Diätversuche. Außerdem legt sie neben politischer Unkorrektheit kriminelle Energien an den Tag, die Lore zwar toleriert, sie aber ebenso beunruhigen.
Trotz Ernüchterung in Liebesdingen nach langen Ehejahren im trauten Heim am Herd spielt auch das männliche Geschlecht für die ehemaligen Haus- und Ehefrauen noch eine Rolle. Als Ewald, Annelieses Tanzpartner aus Jugendjahren, auf der Türmatte erscheint und anschließend aus sehr pragmatischen Beweggründen die Frauen-WG bezieht, konkurrieren die stets stilbewusste Lore und die robuste Anneliese um die Gunst des Mannes, einer „Mischung aus John Wayne und Cary Grant“, wie Letztere findet. Ewald birgt ganz offensichtlich mehrere Geheimnisse und nimmt es allem Anschein nach auch im betagten Alter mit der Treue nicht allzu genau. In Gesellschaft von Lores jungem homosexuellem Mitarbeiter Rudi und eines als Fahrdienst angeheuerten Studentenpärchens erwacht in dem Damengespann die Abenteuerlust und der dritte Frühling bricht an – immer kritisch beurteilt von Lore, für die Formwahrung und Schamgefühl inkarnierte Ehrensache sind.
Geschildert aus Lores Perspektive streift Noll in ihrer Geschichte mehrere Themen wie den Generationskonflikt, Einsamkeit im Alter, Geschlechterdifferenzen, Freundschaft und das Schicksal mehr oder weniger braver Ehefrauen vergangener Tage, die 1968 schon zu alt waren, um auf den Zug der Befreiung aus dem kleinbürgerlichen Mief aufzuspringen und sich gegen das Establishment zu stellen.

Nolls Roman plätschert unbeschwert vor sich hin und der durchaus ernste Ansatz verebbt im ziemlich absurden Alltagstumult der beiden Damen, die am Ende sogar auf einem Cannabistrip delirierend durch Heidelberg ziehen. Wiederholte Schilderungen von Speisekarten und Menüaufzählungen wirken wie Seitenfüller und sind der Spannung abträglich.
Das Fazit der Handlung ist ein leises Plädoyer für die Freundschaft zwischen Frauen, denn auf Männer scheint kein Verlass zu sein – gleichgültig in welcher Alterslage.
Ladylike ist kurzweilige Frauenlektüre, die aber leider ohne jeden Nachklang beim finalen Zuklappen des Buches wieder verhallt.

Ina Machenheimer | Kontakt |

Autorin Ingrid Noll
Buchtitel Ladylike
Originaltitel -
Gattung Roman
Verlag Diogenes
Erscheinungsort und- jahr Zürich, 2006 .
Umfang 323 Seiten

Texte urheberrechtlich geschützt.

   
       
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